Burnout: So verhinderst Du psychische Belastung am Arbeitsplatz

Burnout verhindern: Psychotherapeut Michael Waadt im Interview

01.08.2017
Burnout: Mann rollt Stein den Berg hinauf

Burnout gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz. Seit Jahren steigen die Fehltage aufgrund seelischer Leiden kontinuierlich. Im Interview erklärt der Psychotherapeut und Autor Michael Waadt, was die Auslöser für ein Burnout sind und welche Präventionsmaßnahmen es gibt.

Burnout: Definition und Symptome

Das Thema Burnout ist seit circa 30 Jahren im Gespräch, dennoch herrscht in der Medizin wenig Einigkeit über die Definition von Burnout und wie man es erkennen kann. So wurden in verschiedenen Berufsständen rund 200 unterschiedliche Symptome festgestellt. Der Blickwinkel ist dabei jedoch sehr uneinheitlich und medizinisch nicht eindeutig definiert. Daher wird Burnout in den internationalen Klassifikationssystemen der Krankheiten und Gesundheitssysteme nicht als eine eigenständige Krankheit aufgeführt, sondern als eine Zusatzdiagnose verstanden.

Wir haben den Psychotherapeuten und Burnout-Experten Michael Waadt befragt, wie man Burnout erkennen kann.

Avantgarde Experts: Herr Waadt, wie erkennt man ein Burnout? Was sind erste Anzeichen dafür?

Michael Waadt: Einig ist man sich darüber, dass Burnout durch chronischen Stress entsteht und als Prozess verläuft. Dieser Prozess kann über verschiedene Stufen zu einer klinischen Depression führen. In der ersten Phase sind körperliche Anzeichen charakteristisch wie Schmerzen und Energieverlust. Auch Schlafstörungen sind frühzeitig zu beobachten. Dann folgen Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie eine erhöhte Reizbarkeit und aggressives Verhalten.

Ein weiteres Anzeichen ist der soziale Rückzug. Außerdem kann man feststellen, dass Betroffene immer mehr Arbeit für Dinge investieren müssen, die ihnen früher leicht von der Hand gegangen sind. Durch diese Faktoren kommt eine Negativspirale in Gang. Grübelattacken, Motivations- und Interessensverlust sowie heftige Stimmungsschwankungen und Suizidgedanken sind die Folge.

So verhinderst Du ein Burnout

Wer am Arbeitsplatz dauerhaft unter starkem Stress und psychischer Belastung steht, wird für ein Burnout anfällig. Besonders wichtig ist daher, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen und der Entstehung eines Burnouts vorzubeugen.

Was kann man selbst tun, um ein Burnout zu verhindern?

Burnout kann eine Folge von übermäßigen Stress sein. Hierbei muss man zunächst darüber sprechen, wie Stress entsteht. Stress hat grundsätzlich zwei Komponenten: Das eine sind die objektiven Umweltbedingungen und das andere das subjektive Empfinden. Der amerikanische Psychologe Richard Lazarus hat bei einer Stressreaktion vier Stufen festgestellt:

  1. Stufe: Ein neutraler Reiz dringt auf mich ein.
  2. Stufe: Ich bewerte, ob durch diesen Reiz eine Gefahr droht.  
  3. Stufe: Ich entscheide, ob und mit welcher Strategie ich mit der Gefahr umgehen kann.
  4. Stufe: Ich analysiere, ob meine Strategie erfolgreich war.

Dieses Modell ist gut dazu geeignet, um zu unterscheiden, was von einem selbst und was von außen kommt.

gestresster Mann am Schreibtisch

Nun wissen wir, wie Stress in der Theorie entsteht. Können Sie uns zur Veranschaulichung ein praktisches Beispiel nennen?

Klar, nimm folgende Situation: das Telefon klingelt – das ist noch kein Stressfaktor. Es kann aber zu einem Stressfaktor werden und zwar in dem Augenblick, wenn das Telefon nicht nur einmal klingelt, sondern pausenlos. Ich habe also keine Ruhe, weil ständig Reize auf mich eindringen. Das ist eine Umweltkomponente und wenn es mir nicht gelingt, Ruhezeiten und Ruheräume zu schaffen, dann ist der erste Schritt in eine Stresserkrankung getan.

Eine mindestens genauso große Rolle spielt, was ich aus diesen äußeren Einflüssen mache. Nehmen wir wieder das Beispiel Telefon: Es klingelt und ich habe den Gedanken, das ist mein Chef, der mich wieder fertigmachen will, weil ich mit etwas in Verzug bin. Und obwohl ich gar nicht weiß, wer anruft, macht mir allein dieser Gedanke Angst und ich entwickele Stressreaktionen.

Welche Strategien gibt es, um solche Stressreaktion zu verhindern oder zumindest einzudämmen?

Wir neigen dazu, bereits gelernte Strategien zu wählen, die aber meistens nicht sinnvoll sind. Nimmt man eine Führungskraft, die gelernt hat, dass man immer freundlich sein und immer gute Laune haben soll, die sich um alles kümmert und für alle die Verantwortung übernimmt, aber selber nichts fordern darf. Die Strategie dieser Führungskraft ist in Stresssituationen nutzlos.

Um ein Burnout zu verhindern, muss man daher dafür sorgen, dass die äußeren Stressfaktoren abnehmen. Gleichzeitig muss man neue Strategien entwickeln, um anders mit Stress und schwierigen Gedanken umzugehen.  

Ihr Institut bietet unter anderem Schulungen zum Thema Burnout für Arbeitgeber an. Worauf liegt hier Ihr Fokus?

Wir sensibilisieren Führungskräfte zunächst einmal für das Thema Burnout. Da geht es auf der einen Seite darum, woran man überhaupt erkennt, ob jemand eine psychische Belastungsstörung entwickelt. Auf welche Signale muss geachtet werden? Auf der anderen Seite geht es auch darum, eine gewisse Selbsterfahrung zu machen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man selbst mit schwierigen Situationen umgeht. Die Arbeitgeber sollen erkennen, wo ihnen nicht funktionale Gedanken und schwierige Gefühle im Weg stehen.

gestresste Frau

Hier findest Du Hilfe

Wenn du Anzeichen und Symptome einer Burnout-Erkrankung bemerkst, solltest Du sofort professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Michael Waadt erklärt, an wen Du dich wenden solltest und wie die Erkrankung therapiert werden kann.

An wen können sich Betroffene wenden?

Am besten sollten Betroffene direkt zu einem Therapeuten gehen. Allerdings bekommt man nur schwer Termine, da die Versorgungslage sehr schlecht ist. Hausärzte wären grundsätzlich schon der richtige Ansprechpartner. Leider sind diese aber meistens überfordert und behandeln eher ungern Patienten mit psychischen Leiden. Oft diagnostizieren sie etwas Anderes oder – noch schlimmer – sie hantieren mit Psychopharmaka, anstatt den Betroffenen an einen fachkundigen Therapeuten weiterzugeben.

Kassenärztliche Vereinigung

Um so schnell wie möglich an einen Termin zu kommen, solltest Du dich an die Kassenärztliche Vereinigung des jeweiligen Bundeslandes wenden. Auf der Website der Bundes Psychotherapeuten Kammer findest Du eine Übersicht für die Therapeutensuche.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, nachdem ein Burnout diagnostiziert wurde?  

Da gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Ich persönlich komme aus einer verhaltenstherapeutischen Richtung. Und diese Richtung hat sich in Bezug auf Burnout sehr bewährt. Man analysiert, was in bestimmten Stresssituationen passiert: Was ist vorhanden an Gedanken und Gefühlen, wie verhalte ich mich in schwierigen Situationen und wie kann ich mich das nächste Mal in einer ähnlichen Situation anders verhalten.

Das ist für Betroffene natürlich nicht einfach, denn man braucht eine gewisse Achtsamkeit gegenüber dem, was in einem stattfindet. Wenn es mir dann aber gelingt, mich in bestimmten Situationen besser zu verhalten, habe ich sehr schnell Erfolgserlebnisse. Die Betroffenen erleben also eine Selbstwirksamkeit.

verzweifelter Geschäftsmann

Volkskrankheit Burnout

Burnout hat sich zu einer Volkskrankheit entwickelt und wird seit einigen Jahren auch in den Medien verstärkt diskutiert. Spätestens seitdem sich viele Prominente öffentlich zu ihrer Erkrankung bekannten, hat Burnout sein Tabu-Image verloren. Außerdem habe sich die Sensibilität der Ärzte und Krankenkassen sehr geändert, berichtet Michael Waadt. Heutzutage geben es keineswegs mehr psychische Erkrankungen als früher, aber die Leute würden viel offener damit umgehen.

Obwohl Burnout im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, bleibt für viele Betroffene die Frage, wie sie bei einem zukünftigen Arbeitgeber mit dem Thema umgehen. Was raten Sie?

Da gibt es keine allgemeine Lösung. Es hängt immer vom jeweiligen Unternehmen und der Kultur ab, die dort herrscht. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, ehrlich mit einer Burnout-Erkrankung umzugehen. Betroffene sollten zu ihrem Leben und ihrer Geschichte stehen. Sobald ich etwas verheimliche, löst es wieder negative Dinge aus.

Darüber hinaus hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein für Burnout sehr zum Positiven entwickelt. Seit Jahren gibt es sogar eine fast unsägliche Burnout-Diskussion. Das ging 2010 los mit Miriam Meckel und ihrem Buch Brief an mein Leben, in dem sie über ihre Burnout-Erkrankung schreibt. Das war ein riesiger Hype, sicherlich auch, weil sie die Lebensgefährtin von Anne Will ist. Danach konnte man lange keine Talkshow mehr schauen, in der nicht irgendeiner gesagt hat: „Ich habe Burnout“.

Das war zwar etwas nervig, aber es hatte den positiven Effekt, dass Burnout im Bewusstsein der Menschen angekommen ist. Und inzwischen kann man auch anders drüber reden. Ein Problembewusstsein wurde geschaffen. Im Gegensatz dazu ist eine Depression immer noch ein Tabuthema, obwohl sie der Endpunkt eines Burnouts sein kann. Aber zu sagen „Ich habe Burnout“, fällt den Leuten viel leichter.

Weitere Informationen zum Thema Burnout und Gesundheit am Arbeitsplatz findest Du beispielsweise im Magazin für Betriebliches Gesundheitsmanagement oder auf der Website der Apotheken Umschau

Wir bedanken uns herzlich bei Michael Waadt für das aufschlussreiche Interview.

Michael Waadt

Michael WaadtMichael Waadt führt die Münchener Privatpraxis für Psychotherapie und strategisches Coaching und ist Leiter des insas Instituts für Arbeit und seelische Gesundheit. Zusammen mit Jens Acker ist er Autor des 2013 erschienenen Selbsthilfebuchs Burnout: Mit Akzeptanz und Achtsamkeit den Teufelskreis durchbrechen.

Lies in unserem Magazin auch die Experten-Interviews über Wege aus beruflichen Sinnkrisen und Stress am Arbeitsplatz.

Bilder: Titelbild: ©iStock/OtmarW, Bild 1: ©istock/Nastco, Bild 2: ©istock/PeopleImages, Bild 3: ©istock/mikkelwilliam

01.08.2017

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