Mobbing am Arbeitsplatz: Definition, Anzeichen & was Du tun kannst
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Mobbing am Arbeitsplatz erkennen & handeln

29.05.2018
Kollegin bietet Hilfe bei Mobbing am Arbeitsplatz

Beim Thema Mobbing denkt man meist zunächst an Jugendliche, die insbesondere auf Schulhöfen und in Klassenzimmern zu Opfern und Tätern werden. Dabei spielt Mobbing auch in der Berufswelt keine geringe Rolle: Denn die Zahl der Deutschen, die am Arbeitsplatz zu Mobbingopfern werden, liegt bei etwa einer Million. Trotzdem ist meist gar nicht klar, was Mobbing eigentlich ist und welche Möglichkeiten es gibt, dagegen vorzugehen.

Um Klarheit zu schaffen, haben wir Konfliktcoach und Mobbing-Expertin Regina Maucher interviewt und unter anderem herausgefunden, wie Mobbing sich bemerkbar macht, wo Betroffene Hilfe finden und wann ein Jobwechsel helfen kann.

Unsere Interviewpartnerin: Konfliktcoach Regina Maucher
Regina Maucher ist Wirtschaftsmediatorin sowie Konflikt- und Mobbingberaterin für Konflikte am Arbeitsplatz. Pädagogische Erfahrung hat sie als Erzieherin gesammelt, als Fachkauffrau für Büromanagement war sie über 25 Konfliktcoach für Mobbing Regina MaucherJahre im professionellen Umfeld tätig, unter anderem als Geschäftsleitungs-Assistenz. Im Rahmen ihrer selbstständigen Tätigkeit als Mediatorin und Konfliktcoach ist sie aktiv mit Mobbing, Konflikten am Arbeitsplatz und entsprechenden Lösungsfindungen vertraut. Sie arbeitet ehrenamtlich als Beraterin für die Konflikthotline Baden-Württemberg e.V., die Hilfe bei Konflikten im Arbeitsleben bietet.
Ein weiterer Tätigkeitsbereich ist die ProfilPASS-Beratung (DIE), bei der individuelle Stärken und Kompetenzen, sowohl im Konflikt als auch für die berufliche und persönliche Entwicklung erarbeitet werden. Nähere Informationen stellt Regina Maucher auf ihrer persönlichen Website bereit.

Was ist Mobbing?

AVANTGARDE Experts: Frau Maucher, Sie sind als Konflikt-Coach mit dem Schwerpunkt Mobbing und Konflikte am Arbeitsplatz tätig und engagieren sich auch ehrenamtlich in diesem Bereich. Warum kommt es im beruflichen Umfeld zu Mobbing?

Regina Maucher: Der Begriff „Mobbing“ wird von Menschen oft benutzt, wenn sie sich in Konflikten bewegen, die bereits eine Eigendynamik entwickelt haben. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick sagt in einem seiner Axiome: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Das heißt, dass ich immer eine Botschaft an meinen Nächsten weitergebe, egal, ob ich mit ihm rede oder mit ihm schweige. Meine Gestik und meine Mimik lassen wahrnehmen, was ich nicht in Worte fasse. Mein Gegenüber nimmt mich auch damit wahr. Jeder von uns bewertet das Wahrgenommene nach seinem eigenen inneren Muster, jeder hat seine eigenen Anlagen, Erfahrungen, Ansichten und Wertvorstellungen, welche in eine solche Bewertung einfließen. Wenn wir diesen Aspekt betrachten, verstehen wir, warum es im menschlichen Miteinander oft zu Missverständnissen und Konflikten kommt.

AVANTGARDE Experts: Das heißt also, dass es sich auch um ein Missverständnis handeln kann, wenn wir annehmen, Mobbing liege vor?

Regina Maucher: Wenn Menschen sagen, sie fühlen sich gemobbt, ist das eine subjektive Wahrnehmung und in jedem Fall auch ernst zu nehmen. Es muss aber nicht unbedingt eine Mobbingsituation vorliegen. Es ist wichtig, mit dem Betroffenen gemeinsam zu analysieren, worin die Probleme am Arbeitsplatz liegen, um dann gemeinsam den richtigen Weg für das weitere Vorgehen erarbeiten zu können.

Mann am Schreibtisch

AVANTGARDE Experts: Worauf sind solche Eigendynamiken, wie Sie sie beschreiben, Ihrer Einschätzung nach in der Regel zurückzuführen?

Regina Maucher: Am Anfang jeder Mobbingsituation steht eine unzureichende Kommunikation auf beiden Seiten der Kommunikationspartner. Dies muss aber auch nicht zwingend in einer Mobbingsituation enden. Wird ein Konflikt frühzeitig erkannt, kann man auf der kommunikativen Ebene sehr viel bewegen, indem man aktiv und empathisch auf den Kommunikationspartner zugeht und bereits vorhandene Missverständnisse aufklärt. Wichtig ist immer, auch die andere Seite, also die Bedürfnisse und Interessen meines Nächsten zu verstehen. Wenn ich ihn verstanden habe, und mir auch meiner eigenen Bedürfnisse im Konflikt bewusst bin, kann sich eine konstruktive Lösung entwickeln. Voraussetzung ist dabei immer, dass ich selbst zu einer Veränderung bereit bin und auch aktiv versuche, mein Gegenüber zu verstehen und ihn in seiner Andersartigkeit zu respektieren.

AVANTGARDE Experts: Wie wird Mobbing definiert?

Regina Maucher: In der Literatur finden wir unterschiedliche Definitionen von Mobbing. Diese orientieren sich am jeweiligen Forschungs- oder Interessenschwerpunkt der Autoren. Im Jahr 2002 wurde eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland durchgeführt, der sogenannte „Mobbing-Report“. Dort wurde die folgende Definition festgelegt:

„Unter Mobbing ist zu verstehen, dass jemand am Arbeitsplatz häufig über einen längeren Zeitraum schikaniert, drangsaliert oder benachteiligt und ausgegrenzt wird.“

Daraus ergibt sich, dass Mobbing nicht einfach das Resultat einer fehlenden Impulskontrolle ist, sondern es systematisch und bewusst stattfindet, um einem anderen zu schaden.

AVANTGARDE Experts: Gibt es verschiedene Arten des Mobbings?

Regina Maucher: Wenn man sich an der oben genannten, grundlegenden Definition orientiert, kann man den Begriff „Mobbing“ erst einmal klar differenzieren und einordnen. Trotzdem gestaltet sich jeder Mobbingfall individuell, das zeigen die „10 Mobbinghandlungen“, die im Kontext der erwähnten Repräsentativumfrage ausgewertet wurden. Deshalb ist in den meisten Fällen eine gründliche und individuelle Konfliktanalyse nötig.

Infografik mit 10 Mobbinghandlungen

Wie erkenne ich, ob ich gemobbt werde?

AVANTGARDE Experts: Eingangs haben Sie erklärt, dass subjektive Wahrnehmung und kommunikative Missverständnisse zu dem Fehlschluss führen könnten, man würde gemobbt. Wie kann ich überprüfen, ob meine Wahrnehmung mit der Realität übereinstimmt?

Regina Maucher: Grundsätzlich sind die 10 Mobbinghandlungen eine wichtige Richtlinie, an der man sich gut orientieren kann. Um bei einer präzisen Situationsanalyse feststellen zu können, ob objektiv betrachtet Mobbing vorliegt, helfen sie. Ein einfaches Triezen unter Kollegen unterscheidet sich da deutlich von systematischen Handlungen, wie sie beim Mobbing vorliegen.

Zusätzlich kann es sein, dass die betroffene Person

  • häufig oder längerfristig wiederkehrend krank ist,
  • sich abgrenzt und sich von den anderen KollegInnen zurückzieht,
  • psychische Veränderungen auftreten,
  • die Arbeitsleistung sich verringert bis hin zur Unfähigkeit, die Arbeit auszuführen, oder auch
  • die Person keine Freude mehr bei der Arbeit hat.

AVANTGARDE Experts: Welche Rolle spielt das Täter-Opfer-Verständnis bei dem Verdacht, man könnte gemobbt werden?

Regina Maucher: Der Begriff „Täter“ und „Opfer“ steht für die Übernahme von bestimmten Rollenmustern, die ein eigenverantwortliches Handeln bei den Betroffenen erschweren und damit eine weitere Eskalation unterstützen. Ich möchte mich daher an dieser Stelle auf die Begriffe „Betroffener“ und „Aggressor“ festlegen.

Die Grundkonstellation ist dabei häufig die folgende: Der Aggressor ist derjenige, der dem Betroffenen gegenüber als mächtiger empfunden wird, der Betroffene empfindet sich selbst als machtlos. Er kann sich auch in seiner Rolle „wohlfühlen“ und hier müssen wir aufpassen. Das „Wohlfühlen“ geht irgendwann in das „Unwohlfühlen“ über und kann dazu führen, dass man die Belastung nicht mehr aushält. Es kann zuerst angenehm sein, die Verantwortung auf den Aggressor abzuschieben: „Der/die Andere hat Schuld dafür, dass es mir schlecht geht, ich bin der/die Arme“.

Hier wäre es wichtig, dass sich der Betroffene als „passiv Handelnder“ wahrnimmt und auch wahrnimmt, dass er die Verantwortung selbst in der Hand hält, auf den Aggressor empathisch zuzugehen und aus seiner passiven Rolle aussteigen kann. Je nach Fortschreiten der Eskalationsstufe des Konflikts kann das der Betroffene oft nicht mehr selbst erkennen und auch nicht mehr umsetzen. Fremde Hilfe ist dann dringend notwendig.

Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz

AVANTGARDE Experts: Wann kann man solche Konflikte eigenständig in den Griff bekommen?

Regina Maucher: Das geht nur, wenn sich der Konfliktprozess noch nicht so manifestiert hat, dass es ohne fremde Hilfe keine Lösungsmöglichkeiten mehr gibt. Wenn ich frühzeitig feststelle, dass der Kollege und ich einen Konflikt miteinander haben, stehen die Chancen gut, einen solchen Konflikt zu lösen. Im fortgeschrittenen Mobbingprozess hingegen ist der Betroffene nicht oder nicht mehr in der Lage, ohne Hilfe von außen aus seiner Rolle herauszutreten. Dann geht es ohne fremde Hilfe nicht mehr. Die Rollen haben sich dann bereits verfestigt.

AVANTGARDE Experts: In welchen Fällen raten Sie ausdrücklich zur Vorsicht, wenn es um die Frage geht, ob man gemobbt wird?

Regina Maucher: Tägliche kleine Ärgernisse, die etwa alle betreffen, sporadisch auftreten oder eher selten passieren, kann man nicht als Mobbing bezeichnen. Problematisch wird es laut Dieter Zapf von der Goethe-Universität in Frankfurt dann, wenn ein Machtungleichgewicht vorherrscht. Von Mobbing spricht man dann, wenn tägliche kleine Ärgernisse oder massive Ereignisse systematisch und gezielt auf eine Person gerichtet sind, lange andauern (mindestens ein halbes Jahr) und häufig stattfinden (einmal pro Woche oder häufiger bis hin zu täglichem Vorkommen). Das grundlegende Kriterium ist dabei aber immer, dass ein Machtungleichgewicht herrscht.

AVANTGARDE Experts: Gibt es auch Aspekte, welche die Problematik zusätzlich erschweren, wenn es um Mobbing am Arbeitsplatz geht?

Regina Maucher: Ich habe auch erlebt, dass Menschen gleich zum Rechtsanwalt gehen wollen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Das liegt ausdrücklich im Ermessen des Betroffenen. Man sollte sich dabei aber bewusst machen: In einem solchen Fall sollte zuerst eine Beratung stattfinden, bevor ein derartiger Schritt in die Wege geleitet wird. Rechtsanwälte, die im Arbeitnehmerrecht bewandert sind, sind in bestimmten Situationen unumgänglich. Die Notwendigkeit sollte aber mit einem Mobbing-Experten zunächst gemeinsam analysiert werden, bevor man sich zu weiteren Schritten entscheidet. Denn manchmal schaden ein vorschnelles Vorgehen über den Rechtsanwalt oder auch vorschnelle gerichtliche Schritte dem eigenen Stand im Unternehmen. Hinzu kommt, dass Mobbing nur sehr schwer vor Gericht nachgewiesen werden kann.

Man sollte auch nicht vergessen, dass ein Rechtsstreit zusätzliche Kraft kostet, die ein tatsächlich von Mobbing Betroffener oft nicht mehr hat. Dann ist die Situation schnell aussichtslos. Mit einer kompetenten Beratung im Voraus kann man solche Situationen vermeiden.

Stress durch Mobbing am Arbeitsplatz

Was kann ich bei Mobbing tun?

Als Betroffener aktiv werden

Für Betroffene ist der erste wichtige Schritt, gegen Mobbing aktiv zu werden. Dabei kann man entweder Hilfe bei Außenstehenden suchen, gezielt am Konflikt arbeiten oder aber im Zweifelsfall den Job wechseln. Doch wann ist welches Vorgehen sinnvoll?

Hilfe suchen

Betroffene von Mobbing am Arbeitsplatz können verschiedene Möglichkeiten nutzen, um Hilfe zu finden. Dabei reicht das Spektrum vom Kontakt zu Kollegen bis hin zu externen Beratungsstellen oder sogar therapeutischer Unterstützung.

AVANTGARDE Experts: Was sollte ich tun, wenn ich die Vermutung habe, ich werde gemobbt? Gibt es bestimmte Stellen, an die ich mich wenden kann, um meinen Verdacht zu prüfen oder eine beratende Hilfestellung zu finden?

Regina Maucher: Wird Betroffenen ein schwelender Konflikt frühzeitig bewusst, ist es sinnvoll, empathisch auf den Konfliktpartner zuzugehen und das Gespräch mit ihm zu suchen. Gegebenenfalls kann auch dann schon externe Hilfe hinzugezogen werden. Es gibt dabei eine ganze Reihe an Möglichkeiten, die Betroffenen offenstehen. Dazu gehören:

  • das Kontaktieren von KollegInnen, die nicht am Konflikt beteiligt sind,
  • ein Gespräch mit dem Vorgesetzten, wenn es sich um Mobbing unter Kollegen handelt,
  • ein Gespräch mit einer anderen Vertrauensperson, wenn es sich um Mobbing durch den Vorgesetzten handelt,
  • den Kontakt zum Betriebs- oder Personalrat,
  • das Aufsuchen von Konfliktbeauftragten oder Mediatoren im Betrieb oder außerhalb,
  • die Beratung durch regionale Mobbingtelefone oder die Konflikthotline Baden-Württemberg e.V. für Konflikte am Arbeitsplatz. Hier erhält man auch Informationen für die Suche von Experten, Beratungsstellen und Kliniken mit dem Schwerpunkt Mobbing.
  • psychologische Beratungsstellen,
  • eine Beratung bei der Gewerkschaft,
  • eine Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe mit Schwerpunkt Mobbing am Arbeitsplatz,
  • Reha-Maßnahmen in einer Klinik mit Schwerpunkt Mobbing oder auch
  • das Aufsuchen eines Psychologen.

Gespräch zwischen Kollegen

AVANTGARDE Experts: Wie genau läuft eine Beratung ab, wenn man sich an eine externe Stelle wie zum Beispiel eine Konflikthotline wendet?

Regina Maucher: Alle Hotlines und BeraterInnen analysieren zuerst gemeinsam mit dem Hilfesuchenden dessen aktuelle Situation. Jede Mobbingsituation gestaltet sich anders und ist ganz individuell. Man kann keine allgemeine Empfehlung im Mobbingfall geben. Gemeinsam mit dem Hilfesuchenden werden deshalb passende Strategien und Lösungswege erarbeitet. Was für den einen Hilfesuchenden die richtige Lösung ist, kann sich für den anderen negativ auswirken oder eine unvollständige Lösung sein. Deshalb ist die individuelle Beratung so wichtig.

Aktive Arbeit am Konflikt

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, gezielt am Konflikt zu arbeiten. Ob und wie ein gemeinsames Gespräch sinnvoll sein kann, hängt dabei maßgeblich vom Fortschritt des Konflikts ab.

AVANTGARDE Experts: Worauf sollte man in einem Gespräch mit dem Aggressor insbesondere achten?

Regina Maucher: Wichtig ist vor allem, sich die eigenen Bedürfnisse und Interessen im Konflikt bewusst zu machen. Dann kann gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden, bevor sich die Situation ausweitet, und man wird auch offener für die Bedürfnisse des anderen. Im Gespräch selbst sollte man es vermeiden, den Konfliktpartner zu beschuldigen und ihm Vorwürfe zu machen. Ziel ist gegenseitiges Verständnis und die gemeinsame Suche nach einer Lösung.

AVANTGARDE Experts: Wann ist das Hinzuziehen eines Mediators sinnvoll?

Regina Maucher: Für das Auffinden einer Konfliktlösung sollte ein Mediator frühzeitig hinzugezogen werden. Im fortgeschrittenen Mobbingprozess ist eine Mediation nicht mehr sinnvoll und wirkt sich eher noch belastender auf den Betroffenen aus. Da hilft dann eher ein Coaching für den Betroffenen, um innere Stärke aufzubauen.

AVANTGARDE Experts: Wie geht man bei einem solchen fortgeschrittenen Konflikt am besten vor?

Regina Maucher: In solchen Fällen ist es ratsam, Hilfe hinzuziehen, etwa in Form von Konflikthotlines, regionaler Mobbinghotlines, freiberuflicher Konfliktberater oder Konflikt-Coaches, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Alternativ können auch betriebseigene „Dritte“, etwa aus dem Betriebs- oder Personalrat, der Schwerbehindertenvertretung, der Sozialberatung oder auch Konfliktlotsen hinzugezogen werden. Auf jeden Fall sollte man aber das Gespräch mit dem/n Vorgesetzten oder mit unbeteiligten Dritten (also KollegInnen) suchen und um Hilfe bitten. Geht das Mobbing vom Vorgesetzten aus, kann man einen anderen Vorgesetzten des Vertrauens hinzuziehen.

Konflikt im Büro

AVANTGARDE Experts: Was sollte man beachten, wenn der Mobbingkonflikt besonders drastisch ist?

Regina Maucher: Wenn der Druck zu stark wird, hat man die Möglichkeit, zum Arzt gehen und sich krankschreiben zu lassen. Damit hat man zumindest fürs Erste einen Schonraum geschaffen. Für das weitere Vorgehen ist es gut, wenn der eigene Arzt involviert ist und den Betroffenen gesundheitlich beraten kann. Auch arbeitsrechtlich gesehen ist das Einbinden des Arztes wichtig, etwa wenn man kündigen möchte und dann Arbeitslosengeld beantragt.

Stehen bereits Sanktionen an, etwa eine Abmahnung oder Kündigung, kann man eine Rechtsberatung erwägen. Das sollte jedoch nie ohne das Einbinden einer Mobbing- oder Konfliktberatung geschehen. Entscheidet man sich trotz der bereits genannten Schwierigkeiten, die ein Rechtsstreit mit sich bringen kann, für eine gerichtliche Auseinandersetzung, sollte man ein Mobbing-Tagebuch vorweisen können, in dem die Handlungen festgehalten sind. Andernfalls wird es schwierig, vor Gericht Nachweise zu erbringen.

Weitere Möglichkeiten bestehen darin, gegebenenfalls eine Beratung über die Bundesagentur für Arbeit anzustoßen. In besonders vertrackten Situationen kann ein Arbeitsplatzwechsel sinnvoll sein. In größeren Firmen gibt es die Möglichkeit, sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen.

Wenn man vom Vorgesetzten gemobbt wird

Wird man vom eigenen Chef gemobbt, scheint die Situation aussichtslos. Doch auch in diesem Fall gibt es für Betroffene mehr Handlungsspielraum, als man vielleicht denkt.

AVANTGARDE Experts: Eine Situation, in der man von einem Vorgesetzten gemobbt wird, ist besonders schwierig, weil ein Machtgefälle besteht. Wie geht man damit am besten um?

Regina Maucher: Das Gespräch mit einer Vertrauensperson, etwa aus dem Betriebsrat, einem anderen Vorgesetzten oder einem weiteren internen Experten, ist auch in dieser Situation hilfreich. Diese Person kann dann mit in ein weiteres Gespräch mit dem entsprechenden Vorgesetzten gehen und gegebenenfalls auch das Gespräch führen. Es ist prinzipiell ratsam, immer jemanden mit ins Gespräch zu nehmen, der hinter einem steht und entweder das Gespräch führen oder im Gespräch unterstützen kann. Führt das Gespräch nicht zum Erfolg, sollte man sich an entsprechende externe Konflikt- oder Mobbing-Experten wenden.

Frau schreibt Bewerbung wegen Mobbing

Jobwechsel: ja oder nein?

Erwägst Du einen Jobwechsel aufgrund von Mobbing, solltest Du Dir diesen Schritt gut überlegen. Denn ein Wechsel des Arbeitsplatzes kann auch Nachteile mit sich bringen, über die Du Dir bewusst sein solltest.

AVANTGARDE Experts: Wann halten Sie einen Jobwechsel für sinnvoll?

Regina Maucher: Ein Jobwechsel ist auf jeden Fall dann sinnvoll, wenn alle Möglichkeiten zur Konfliktklärung nichts gebracht haben und man selbst feststellt, dass die Situation immer belastender wird. Dann sollte man sich schnellstmöglich anderweitig bewerben, solange man noch die Kraft dazu hat. Bei äußerst schweren Konflikten ist Burnout keine Seltenheit und auch sonstige psychische Probleme können auftreten. Dann hat man erstmal keine Kraft mehr, sich zu bewerben und Vorstellungsgespräche zu führen. In einem solchen Fall muss erst die Seele wieder gesund und stark werden, um den Anforderungen an einem neuen Arbeitsplatz gerecht werden zu können. Das benötigt mitunter viel Zeit.

Sich auf eine andere interne Stelle zu bewerben macht Sinn, wenn man schon viele Jahre im Betrieb ist und sich bereits bestimmte Vorteile wie Zulagen, Incentives oder Kündigungsschutz erarbeitet hat. Man hat dann die Möglichkeit, dort neu zu beginnen und sich doch noch in der Sicherheit des bisherigen Unternehmens zu bewegen. Hat der Betroffene genug Kraft und wünscht sich einen vollständigen Neuanfang, kann er oder sie genauso zu einer externen Stelle wechseln. In einer neuen Firma beginnt man wieder ganz von vorne und oft mit einem befristeten Arbeitsverhältnis oder mit weniger Gehalt.

AVANTGARDE Experts: In welchen Fällen könnte das Vorhaben, den Job zu wechseln, eine schlechte Entscheidung sein?

Regina Maucher: Bedenken sollte man, dass eine vorschnelle Entscheidung, den Job zu kündigen, auch Probleme mit sich bringen kann. Es macht Sinn, erst dann zu kündigen, wenn man einen neuen Arbeitsvertrag in den Händen hat. Die eigene Kündigung hat ja bekanntlich Auswirkungen auf das Arbeitslosengeld I. Dieses wird in den ersten drei Monaten einbehalten, wenn man selbst kündigt. Ist die Situation am Arbeitsplatz nicht mehr zu ertragen, gibt es noch eine Ausnahmevariante im Mobbingfall. Man kann die Bundesagentur für Arbeit von der Situation am Arbeitsplatz informieren und auch mitteilen, dass man dort nicht mehr arbeiten kann. Liegt diese Meldung bei der Bundesagentur vor, sind auch die ersten drei Monate Arbeitslosengeld gesichert. Dazu muss der behandelnde Arzt aber ein entsprechendes Gutachten ausfüllen, das dann gemeinsam mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld abgegeben werden muss.

Als Außenstehender aktiv werden

Beobachtest Du Mobbing oder hast den Verdacht, ein Kollege könnte davon betroffen sein, ist es besonders wichtig, mit Bedacht zu handeln. Dabei spielen Empathie und Zuhören eine sehr wichtige Rolle.

AVANTGARDE Experts: Wie verhalte ich mich, wenn ich nicht selbst betroffen bin, aber den Eindruck habe, ein Kollege könnte von Mobbing betroffen sein?

Regina Maucher: In einem solchen Fall sollten Sie den Kollegen unter vier Augen empathisch darauf ansprechen und gegebenenfalls persönliche Hilfe anbieten, wenn Sie diese auch tatsächlich leisten können. Zuhören und Dasein für den Kollegen, die Kollegin und ihn/sie in seiner Lage ernst nehmen, helfen enorm. In diesem Rahmen können Sie etwa den Betriebsrat auf die Problematik aufmerksam machen oder auch den Vorgesetzten um Hilfe bitten.

Kolleginnen beim Gespräch

AVANTGARDE Experts: Wie kann man Hilfe anbieten, wenn man sich vom bestehenden Konflikt fernhalten möchte?

Regina Maucher: Wer die direkte Beteiligung am Konflikt meiden möchte, kann auf jeden Fall auf Hilfsangebote verweisen. Und ganz grundsätzlich sollte man es unbedingt vermeiden, sich am Mobbing zu beteiligen. Auch wenn es Mut braucht: Es ist wichtig, sich bewusst und klar nach außen von einem solchen Verhalten zu distanzieren.

Bewusstsein für Mobbing schaffen

Mobbing endet nicht unbedingt mit der Lösung eines konkreten Konflikts. Um ihm nachhaltig entgegenzuwirken, sind eine ernsthafte Beschäftigung damit vonnöten – auch von Unternehmensseite.

AVANTGARDE Experts: Haben Sie den Eindruck, dass Unternehmen sich mit der Thematik genauer beschäftigen müssten, als es bislang der Fall ist?

Regina Maucher: Notwendig ist Aufklärung über die Problematik und darüber, dass und welche Hilfsmöglichkeiten es für Betroffene gibt. Denn in dieser Hinsicht besteht eine deutliche Informationslücke. In diesem Zusammenhang denke ich ganz speziell auch daran, dass in den Unternehmen das Bewusstsein geschaffen werden muss, dass Konflikte zum einen gesehen und thematisiert werden und zum anderen aktiv daran gearbeitet wird, Lösungen zu finden durch entsprechendes Konfliktcoaching, Mediation, oder Einführung eins Konfliktmanagementsystems. Hier sehe ich einen extremen Bedarf in den Unternehmen.

AVANTGARDE Experts: In welcher Form würde es sich für Unternehmen konkret lohnen, sich stärker mit der Problematik zu beschäftigen?

Regina Maucher: Unternehmen würden von einer solchen Aufklärung sehr stark profitieren. Grundsätzlich sollte außer Frage stehen, dass die psychische Gesundheit neben der körperlichen Gesundheit das allerwichtigste für den Arbeitnehmer ist. Die Arbeitsmotivation und Leistung des Mitarbeiters leidet in Konfliktsituationen enorm. Ungelöste und eskalierte Konflikte oder auch konkretes Mobbing können ein Unternehmen dann auch sehr teuer zu stehen kommen. Wenn ein Mitarbeiter bereits wiederholt oder längerfristig krank ist, dann benötigt man eine Ersatzkraft, die erst eingearbeitet werden muss. Das braucht Zeit und hält auch die anderen Mitarbeiter auf. Der kranke Mitarbeiter hat sein Know-how zu Hause bei sich und kann es nicht mehr im Unternehmen einsetzen. Im Extremfall endet ein solcher Fall vor dem Arbeitsgericht mit zusätzlichen Kosten für das Unternehmen und einem nicht zu unterschätzenden Imageschaden.

AVANTGARDE Experts: Was halten Sie abschließend für das Wichtigste, um Mobbing entgegenzuwirken oder sogar vorzubeugen?

Regina Maucher: Konflikte wird es immer geben, sie gehören zu unserem Privatleben und zu unserem Arbeitsleben. Wir können einer Eskalation entgegenwirken, indem wir an einer konstruktiven Konfliktkultur arbeiten: sowohl mit uns selbst, als auch gemeinsam im Unternehmen.

Hilfe bei Mobbing am Arbeitsplatz

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Maucher für das spannende Interview und die hilfreichen Tipps zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz!

Bildnachweis: Titelbild: © gettyimages/shapecharge, Bild 1: © Regina Maucher (privat), Bild 2: © gettyimages/PeopleImages, Bild 3: © AVANTGARDE Experts, Bild 4: © gettyimages/RJohn97, Bild 5: © gettyimages.de/ praetorianphoto , Bild 6: gettyimages/Portra, Bild 7: © gettyimages/ laflor , Bild 8: gettyimages/eclipse_images, Bild 9: © gettyimages/zoranm, Bild 10: © AVANTGARDE Experts.

29.05.2018

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